Historikertag 2018: Sektion „Materialität“

Da in den letzten Wochen verschiedene Ankündigungen für Sektionen des Historikertags 2018 veröffentlicht wurden, wollte ich gerne auch auf die von mir organisierte Sektion „‚Materialität‘. Konzepte und Erkenntnispotenzial jenseits der Geschichte der materiellen Kultur“ hinweisen.

Abstract:
„Materialität“ hat Konjunktur und ist in der geschichtswissenschaftlichen Forschung zugleich noch ein weithin unterbestimmter Begriff. In seinem allgemeinen Gebrauch wird der Begriff durch die Forderung, die Dinglichkeit der Welt „ernst zu nehmen“, definiert. Das reicht nicht aus und ist auch Grund dafür, warum „Materialität“ mitunter als Modewort abgetan wird. Dabei hat die Zahl der Studien, die „Materialität“ konzeptionell für Forschungsbereiche jenseits der etablierten Geschichte der materiellen Kultur nutzbar machen, in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen. Ein erster Schwerpunkt liegt im Bereich der Medizin- und Wissensgeschichte und der damit eng verbundenen Umwelt- und Technikgeschichte. Einen zweiten Schwerpunkt bildet die Kritik an einem radikalen Konstruktivismus in der Geschlechterforschung, die für die Geschichte der Subjektivierung und der politischen Kultur relevant geworden ist. Drittens hat eine geschichtstheoretische Diskussion über den reflektierten Umgang mit der materiellen Qualität von Quellen neues Momentum aufgenommen. Bisher stehen die jeweiligen Konzepte von „Materialität“ aufgrund der heterogenen Erkenntnisinteressen recht unvermittelt nebeneinander. Mit dieser Sektion soll ein Versuch unternommen werden, Schnittmengen und Gemeinsamkeiten unterschiedlichster „Materialitäts“-Konzepte jenseits der etablierten Forschung zur Geschichte der materiellen Kultur auszuloten und für die empirische Arbeit nutzbar zu machen. Die Sektion bringt bewusst heterogene Beiträge zusammen, um eine weiterführende Debatte über das weite Bereiche der Geschichtswissenschaften verbindende Potenzial des Theorieangebots anzustoßen.

Programm:
Achim Landwehr (Düsseldorf): Zeit der Materialität – Materialität der Zeit. Geschichtstheoretische Erkundungen
Hedwig Richter (Hamburg): Menschenrechtsdinge. Materielle Bedingungen von Individualisierungsprozessen um 1800
Stefanie Gänger (Köln): Materia Medica in der iberischen Welt. Materialität in der Globalgeschichte des Wissens, 1750 – 1820
Sebastian Haumann (Darmstadt): Rohstoffe und Gefahrenstoffe. Materialität als Herausforderung der Umweltgeschichte
Sigrid Köhler (Tübingen): Kommentar

Die Sektion findet satt am Donnerstag, den 27.9.2018 um 11:00–13:00, Raum JO1

Weitere Informationen zum Historikertag 2018

Kolloquiumsvortrag IZWT Wuppertal

Am kommenden Mittwoch, den 11.1.2017, werde ich auf Einladung von Heike Weber und Christian Zumbrägel einen Kolloquiumsvortrag am Interdisziplinären Zentrum für Wissenschafts- und Technikforschung der Uni Wuppertal halten. Ich werde einige konzeptionelle Aspekte aus meiner Habil zur Diskussion stellen und auch versuchen, einen lokalen Bezug herzustellen – immerhin war und ist der Westen von Wuppertal einer der wichtigsten Standorte der Kalkindustrie.

Stoffgeschichte aus praxeologischer Perspektive. Kalkstein als Industrierohstoff des 19. Jahrhunderts

Mittwoch, 11.01.2017

18 c.t. Uhr

Raum N.10.20 (Gebäude N, Ebene10, Raum 20)
Campus Grifflenberg, Gaußstr. 20, 42119 Wuppertal

zum Programm des Kolloquiums

Konstruktivismus und „postfaktische“ Argumentationsschleifen

Am 15.12.2016 war in der ZEIT ein Artikel von Michael Hampe zu lesen (zum Artikel), in dem er über die Parallelen des kulturwissenschaftlichen Konstruktivismus und den sogenannten „postfaktischen“ Argumentationsmustern schreibt, die in letzter Zeit von Konservativen und Rechten benutzt werden. Der Artikel ist polemisch überspitzt und vereinfacht stark, aber ich finde ihn trotzdem lesenswert, weil er auf einen Zusammenhang hinweist, der mir schon seit einiger Zeit zu denken gibt. Meine Versuche, die Bedeutung von „Materialität“ zu fassen und geschichtswissenschaftlich zu untersuchen, zielen auf dieses Problem. Sicherlich, gesellschaftliches Wissen und Vorstellungen über so unterschiedliche Dinge wie Gesellschaft oder Stoffe sind konstruiert – hinter diese Grundannahme wird die geisteswissenschaftliche Forschung nicht zurück können. Aber jenseits dieser Konstruktionen existieren Phänomene, auf die sich die Konstruktion bezieht. Konstruktionen sind nicht beliebig, darauf sollte der geisteswissenschaftliche Diskurs wieder mehr eingehen, wenn er nicht die Vorlage für „postfaktische“ Argumentationsschleifen liefern will. Lösungen bietet Hampe in der ZEIT nicht an, nicht einmal andeutungsweise. Für mich besteht eine mögliche Lösung darin, den Fokus geisteswissenschaftlicher Forschung auf die Wechselwirkung zwischen Konstruktionen und „faktischen“ Bedingungen zu legen, mit denen sie verflochten sind.

Tagung „Historisch, praktisch, gut?“

Gestern (22.2.2016) war ich auf einem Kurzbesuch in Köln. Susanne Schregel und David Sittler hatten dort die Tagung „Historisch, praktisch, gut? Potenziale und Grenzen praxeologischer Ansätze für die Geschichtsschreibung zum 19. und 20. Jahrhundert“ organisiert.

Die aktuellen Diskussionen um eine historische Praxeologie, um die es auch bei dieser Tagung ging, nehmen langsam Kontur an. Auch wenn die Beiträge zu dieser Tagung recht heterogen waren, hat sich für mich doch das große Interesse an neuen theoretischen Perspektiven in den Geschichtswissenschaften gezeigt. Eine historische Praxeologie könnte ein solches Theorieangebot sein, mit dem wir in Zukunft Geschichte neu analysieren und interpretieren können. Noch scheint mir da aber viel Diskussionsbedarf zu bestehen – insofern war die Tagung in Köln ein wichtiger Schritt. Mir fiel besonders auf, dass vor allem zwei Aspekte noch unklar bzw. noch zu wenig reflektiert sind. Zum einen die Frage, welche neuen Erkenntnisse oder Sichtweisen die historische Praxeologie liefern könnte. Das erfordert aus meiner Sicht, Fragestellungen zu identifizieren, die bisher nicht zufriedenstellend beantwortet werden konnten, oder die sich aus aktuellen Problemen ergeben – solche Fragestellungen gibt es zu genüge, noch aber werden sie selten explizit erörtert. Zum anderen wird Materialität noch nicht wirklich ernsthaft konzeptionell eingebunden, obwohl die Theoriebildung dies eigentlich erfordert. Sofern nicht gerade mit Banalitäten argumentiert wird, kommt Materialität bisher oft als Materialität des Mediums daher und untersucht werden Praktiken als Diskurse. Das reicht aus meiner Sicht noch nicht aus, wenn man das Potenzial der historischen Praxeologie voll ausschöpfen möchte. Die Kölner Tagung war aber eine gute Gelegenheit, über diese Fragen nochmal zu sprechen und die Diskussion ein Stück weit voranzutreiben.

Zum Programm der Tagung

Podiumsdiskussion: Geschichte als Naturwissenschaft?

Anlässlich der Gründung des neuen Max Planck-Instituts für Menschheitsgeschichte in Jena 2014 veranstaltet das Institut für Geschichte an der TU Darmstadt eine Podiumsdiskussion über Chancen und Grenzen naturwissenschaftlicher Methoden in der Geschichtswissenschaft.

Dienstag, 26. Januar 2016
18:15 Uhr – 20:00 Uhr
Vortragssaal der Universitäts- und Landesbibliothek, S1-20 R.01
Magdalenenstraße 8, 64289 Darmstadt

Mehr Informationen zur Podiumsdiskussion

Tagung: Stoffgeschichte

Am 8. und 9. Oktober 2015 fand am Deutschen Bergbau-Museum in Bochum die von Lars Bluma und mir organisierte Tagung „Stoffgeschichte – Stand und Perspektiven“ statt.

zum Tagungsprogramm

Es waren nicht nur alle Vorträge wirklich spannend und überzeugend, mit neun sehr unterschiedlichen Perspektiven auf die Stoffgeschichte. Auch die Diskussionen waren lebhaft und zum Teil sehr kontrovers, so wie man es sich auf Tagungen eigentlich wünscht. Trotzdem, oder gerade deshalb, wollen wir an diesem Thema weiterarbeiten … eine Fortsetzung soll folgen.

Beeindruckend war auch eine für historische Fachtagungen ungewöhnliche Tagungsankündigung auf dem riesigen Display am Eingang des Bergbau-Museums.

Tagung: Stoffgeschichte - Stand und Perspektiven

Tagung: Stoffgeschichte – Stand und Perspektiven

Tagung: Making Resources Speak

Zurück von der Tagung „Making Resources Speak: Themes and Methods of the New Materialism“, die am 29.6.2015 am Institute fo Advanced Studies an der University of Birmingham stattgefunden hat.

Auf dem Workshop, den Frank Uekötter und Corey Ross organisiert haben, hat sich aus meiner Sicht vor allem gezeigt, dass die Relationen zwischen menschlichem Handeln und nicht-menschlichen Ressourcen, Stoffen oder Substanzen Gegenstand von historischer Forschung sein müssen. Damit scheint sich der Trend der Forschung, völlig zu Recht, von solchen Konzepten zu verabschieden, in denen man von der Beziehung von Menschen und Materie als „symmetrischem“ Verhältnis ausging – etwa bei der ANT. Stellt man die Beziehungen zwischen menschlichem Handeln und nicht-menschlichen Ressourcen in das Zentrum der Analyse, eröffnet sich aus meiner Sicht nicht nur ein breiterer Interpretationsspielraum, sondern man vermeidet auch Aussagen, die der Materie gewissermaßen transzendentale Eigenschaften zuschreiben.