Forschung

Stadt- und Umweltgeschichte
Geschichte der Stadtplanung
Stoffgeschichte und Materialität

 

Forschungsprojekte

 

Die Materialität der Industrialisierung. Kalkstein als „kritischer“ Rohstoff der Eisen- und Stahlindustrie, 1840-1930
2010-2016 (Habilitationsprojekt)
Die europäische Industrialisierung des 19. Jahrhunderts markiert einen tiefgreifenden wirtschaftlichen, technologischen, sozialen und ökologischen Umbruch, der bis heute fortwirkt. Langfristig besonders wirkungsmächtig war, dass beginnend mit der Industrialisierung immer größere Mengen von Rohstoffen gewonnen und verbraucht wurden. Das betraf neben den Brennstoffen, wie Steinkohle, und Metallen, wie den Eisenerzen, weitere materielle Ressourcen, die für den Industrialisierungsprozess „kritisch“ waren. Als „kritisch“ werden Rohstoffe bezeichnet, die notwendige und unersetzbare Hilfsmittel in der Produktion derjenigen Güter sind, die die gesellschaftliche Entwicklung prägen – im 19. Jahrhundert Eisen und Stahl und die daraus gefertigten Maschinen und Anlagen, allen voran die Eisenbahn. Die Nutzung und der Verbrauch von Kalkstein als Zuschlagsstoff bei der Eisenverhüttung und bei der Stahlherstellung wurde in diesem Sinne konstitutive Voraussetzung der Industrialisierung.
Die Untersuchung des historischen Wandels der Rohstoffnutzung fügt sich in die aktuelle Theorieentwicklung in den Geschichtswissenschaften ein. Nach der längere Zeit dominanten kulturgeschichtlichen Ausrichtung, in der die Untersuchung von Diskursen und sprachlichen Mustern ganz im Vordergrund stand, wird die Forderung lauter, wieder stärker auf die Materialität und die unhintergehbare stoffliche Qualität der physischen Umwelt zu fokussieren; ohne zu vergessen, dass die Reflexion über die „Materialität“ selbstverständlich wieder über sprachliche Repräsentationen verläuft. Es ist deshalb notwendig, ein theoretisch kohärentes Konzept zu entwickeln, in der einerseits die Nutzung von Rohstoffen mit der kulturellen Konstruktion angenommener Wirkungszusammenhänge erklärt werden kann; andererseits stoffliche Eigenschaften die Rohstoffnutzung zwar nicht determinieren, aber doch entscheidend wirksam werden. Einen solchen konzeptionellen Rahmen bieten Theorien sozialer Praktiken, wie sie vor allem von Theodore Schatzki oder Andreas Reckwitz in den letzten Jahren entwickelt und von der umwelthistorischen Forschung aufgegriffen worden sind. Dabei rücken die Praktiken, in denen Rohstoffe genutzt und verbraucht wurden, in das Zentrum der Erklärung. In den Praktiken, als routinisierte Handlungsabläufe wie etwa in der Eisenverhüttung, sind kulturell konstruierte Vorstellungen und die materiellen Eigenschaften der Rohstoffe in interdependenten Wechselwirkungen miteinander verknüpft.
Kalkstein wurde zum „kritischen“ Rohstoff der Industrialisierung, weil sich mit den Praktiken der Eisenverhüttung und später der Stahlherstellung, in denen die Nutzung von Rohstoffen vollzogen wurde (Beschickung, Regulierung des thermo-chemischen Prozesses, etc.), auch die Zusammensetzung der genutzten Rohstoffe veränderte. Für die Zeit um 1850 und 1880 lässt sich anhand technologischer wie auch geologischer Quellen das komplexe Zusammenspiel der Weiterentwicklung von Praktiken und der Selektion bestimmter Zuschlagsgesteine nachweisen. Auf diese Weise verengte sich der Spielraum, der für den Einsatz von Zuschlägen eigentlich bestand, bis eine spezifische Sorte Kalkstein zum „kritischen“, d.h. notwendigem und unersetzbarem Rohstoff wurde.
Die Befunde der Studie werfen auch eine neues Licht auf die sozialen, ökonomischen und ökologischen Dimensionen des Verbrauchs und der Gewinnung von „kritischen“ Rohstoffen. Unternehmensorganisation, die Anlage und der Betrieb von Steinbrüchen, aber auch Arbeitsbedingungen und Eingriffe in den Grundwasserhaushalt werden untersucht. Es stellt sich die Frage, inwieweit ökologische Folgen, soziale Verhältnisse und ökonomische Beziehungen auch Konsequenz von Festlegungen sind, die in Praktiken der Rohstoffnutzung hervorgebracht werden. Mehr noch, es stellt sich die Frage, wie das Problem der Endlichkeit von Rohstoffen zu interpretieren ist, wenn sie aus einer solchen Festlegung resultiert.

Großsiedlungen der 1960er/70er Jahre
DFG Projektnummer 383514889 (2017-2020)
Viele der heute gängigen negativen Images von Großsiedlungen als „sozialen Brennpunkten“ entstanden bereits kurz nach deren Fertigstellung in den 1970er Jahren. Die monotone Architektur und deren Überdimensionierung und eine mangelhafte infrastrukturelle Versorgung bildeten die Topoi einer Kritik, die auf die baulichen Unvollkommenheiten der Siedlungen und deren Steigerung zur sozialen Schieflage abhoben. Vor allem machten die baulichen Strukturen eine Identifikation mit dem Wohnumfeld und der Gemeinschaft und schließlich ein soziales Miteinander unmöglich, so das Verdikt. Dagegen ist die Sicht der Bewohnerinnen und Bewohner kaum je rekonstruiert worden. Zwar wird man davon ausgehen können, dass sich bauliche Unzulänglichkeiten, wie etwa der infrastrukturellen Versorgung, als Probleme wahrgenommen wurden. Aber inwieweit sich das negativ auf die Herausbildung einer Gemeinschaft, die sich mit ihrem besonderen Wohnumfeld identifizierte, auswirkte, ist eine offene Frage. Vielmehr zeigen erste Bestandsaufnahmen, dass eine ausgeprägte Identifikation mit den Großsiedlungen und deren Aneignung im Alltag positiv zur Gemeinschaftsbildung und zur sozialen Stabilität beigetragen hat.

Stadtplanung zwischen Protest und Partizipation: Philadelphia und Köln, 1940-1990
2005-2010 (Dissertation)
Der Wandel von einer technokratischen Stadtplanung der 1960er Jahre zu einer netzwerkorientierten partizipativen Planung seit den 1990ern wird zumeist auf Protest gegen Bau- und Sanierungsprojekte und die so genannten „neuen sozialen Bewegungen“ zurückgeführt. Allerdings existierten bereits in den 1960er Jahren Strukturen, die das Engagement kritischer Bürger begünstigt und entscheidend vorgeprägt haben. Die Bedeutung des Protestes für eine Entwicklung hin zu einer Planungspolitik, die endogene Potentiale berücksichtigt, kann konstatiert werden, obwohl die Widerständigkeit von „Betroffenen“ diese Entwicklung nicht strukturiert hat. Ihr Einfluss lässt sich vielmehr in der spezifischen Ausprägung von partizipativen Verfahren nachweisen. Die Tendenzen des Wandlungsprozesses, den die Stadtplanung in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts durchlief, waren Produkt eines vielschichtigen Zersetzungsprozesses des Modernismus, der bereits in den 1960er Jahren eingesetzt hatte. Ausgelöst wurde dieser Prozess zunächst einmal durch die immanente Ambivalenz modernistischer Planung. Der Protest der 1960er und 1970er Jahre überformte den Zersetzungsprozess des Modernismus. Der Einfluss von Protest auf die Tatsache, dass neue „Planungskulturen“ entstanden, war minimal, dafür war dessen Einfluss auf die Frage, wie diese aussahen, umso wichtiger.
Die vollständige Studie ist erschienen unter dem Titel: „Schade, daß Beton nicht brennt…“. Planung, Partizipation und Protest in Philadelphia und Köln 1940–1990 (=Beiträge zur Stadtgeschichte und Urbanisierungsforschung 12), Stuttgart 2011.

Hausbesetzungen in Hilden, 1980-1982
2004-2005 (Magisterarbeit)
Hausbesetzungen gelten als eine der Herausragenden Protestformen der 1980er Jahre. In dieser Arbeit stand der Versuch im Mittelpunkt, anstelle der herkömmlichen auf Medienberichterstattung basierenden Forschung zum Zhema eine Mikrostudie durchzuführen. Die Wahl der Mittelstadt Hilden als Untersuchungsfeld ermöglichte die Arbeit mit einer übersichtlichen Anzahl von Akteuren und klar erkennbaren Handlungssträngen, wie sie in der komplexen Protestkultur von Groß- oder Universitätsstädten nicht vorkommen. Zudem zeigte sich, dass Besetzungen in Klein- und Mittelstädten gemessen an ihrer Einwohnerzahl sehr viel häufiger waren, als in den meisten Großstädten. Als Ergebnis meiner Mikrostudie lassen sich zwei wesentliche Charakteristika der Hausbesetzerbewegung ausmachen. Erstens existiert ein kausaler Zusammenhang zwischen den sich verschiebenden thematischen Schwerpunkten der einzelnen Phasen der Hausbesetzerbewegung und der Eskalation des Konflikts um besetzte Häuser. Zweitens wird die Unsicherheit der staatlichen Institutionen im Umgang mit Hausbesetzungen und deren Ursachen unübersehbar. Diese Unsicherheit – die aus naheliegenden Gründen nicht medial vermittelt wurde – war ein ganz entscheidender Referenzpunkt an dem die Besetzer ihr Handeln ausrichteten.
Die vollständige Studie ist als Aufsatz erschienen: Hausbesetzungen 1980–1982 am Beispiel einer Kleinstadt, in: Hildener Jahrbuch (Neue Folge) 12 (2005), S. 33–141.