DFG-Projekt “Großsiedlungen in der Krise?”

Am 1.1.2018 ist unser neues DFG-Projekt “Großsiedlungen in der Krise? Modernekritik und Vergemeinschaftung in den 1970er Jahren” gestartet. Das Projekt wird bis Ende 2020 laufen und umfasst eine Promotionsstelle.

Aus der Projektbeschreibung:
Der Wandel der Großsiedlungen von Laboratorien der Moderne zu sozialen Brennpunkten koinzidierte mit dem sozioökonomischen Strukturbruch und dem Wertewandel, die als charakteristische Merkmale der 1970er Jahre gelten. In dem Wandel, den die Großsiedlungen durchliefen, wirkte eine gesellschaftliche Umwertung von Wohnpräferenzen mit tiefgreifenden sozialstrukturellen Veränderungen zusammen. Die Ablehnung der Großsiedlungen, die aus einer zunehmenden Modernekritik resultierte, überlagerte sich mit neuen Phänomenen der Armut, Migration und neuen Familienstrukturen, die sich in Verschiebungen auf dem Wohnungsmarkt bemerkbar machten. Zudem waren die Großsiedlungen von den ökonomischen Umbrüchen der 1970er Jahre besonders betroffen: die Kritik an den Siedlungen konnte auf unvollständige Infrastruktur und mangelnde Instandhaltung verweisen. Nichtsdestotrotz bildeten sich in den Großsiedlungen funktionsfähige lokale Gemeinschaften; auf diesen Sachverhalt hat die jüngere Forschung wiederholt hingewiesen. Allen widrigen Umständen zum Trotz, bauten Bewohnerinnen und Bewohner zivilgesellschaftliche Strukturen und ein Gemeinwesen auf, das bauliche, sozialstrukturelle und ökonomische Schwierigkeiten teilweise auffangen konnte und sich der gesellschaftlichen Abwertung entgegenstemmte.Die Untersuchung des Wandels, dem Großsiedlungen unterworfen waren, verspricht für die Erforschung und Interpretation der 1970er Jahre wichtige neue Erkenntnisse. Insbesondere das Spannungsverhältnis zwischen der negativen Außenwahrnehmung der Siedlungen einerseits und dem Entstehen von funktionsfähigen Formen der Vergemeinschaftung in den Siedlungen andererseits wirft Fragen auf. Die negative Bewertung, die durch die sozialstrukturelle Entwicklung verstärkt wurde, war Ausgangspunkt und Basis für neue Formen der Vergemeinschaftung, die sich in Reaktion auf diese Abwertung und die Massierung sozioökonomischer Problemlagen herausbildeten. Damit gibt die Untersuchung von Großsiedlungen Einblick in die Genese einer spezifischen Ausprägung posttraditionaler Vergemeinschaftung in den 1970er Jahren. Soziale Beziehungen, Gemeinschaft und zivilgesellschaftliche Strukturen entstanden im Umgang mit defizitärer Infrastruktur, überproportionaler Armutsgefährdung, einem wachsenden Anteil von Migranten sowie sogenannten Patchworkfamilien und schließlich in reflexiver Auseinandersetzung mit der negativen Außenwahrnehmung. Es ist zu fragen, inwieweit sich unter diesen besonderen Bedingungen Formen der Vergemeinschaftung herausbildeten, die für die Zeit nach dem Boom, ähnlich denen des schon besser untersuchten links-alternativen Milieus, als typisch gelten müssen. Gerade die Bewohnerinnen und Bewohner der Großsiedlungen waren den Folgen von Wertewandel und sozioökonomischen Strukturbruch besonders intensiv ausgesetzt, so dass zu erwarten ist, dass bei der Bewältigung dieser Herausforderungen eine neue und für die Zeit seit den 1970er Jahren typische Form der lokalen Soziabilität entstand.

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Publikation: Hausbesetzungen und kommunale Jugendpolitik

Neu erschienen: Sebastian Haumann: Hausbesetzungen und kommunale Jugendpolitik am Beispiel der Stadt Hilden Anfang der 1980er Jahre, in: Informationen zur modernen Stadtgeschichte 2015/2, S. 93-107.

In den letzten Wochen des Jahres 2015 ist nun auch endlich meine letzte Veröffentlichung für dieses Jahr erschienen. Es wird zudem auch der (vorerst) letzte Aufsatz sein, den ich über Hausbesetzungen geschrieben habe. In diesem Aufsatz habe ich dann auch vor allem Material veröffentlicht, mit dem ich bisher nicht so systematisch gearbeitet habe: den Stellungnahmen von Jugendarbeitern und Jugendpolitikern zu den Hausbesetzungen der frühen 1980er Jahre. Sie eröffnen nochmals eine ganz andere Perspektive auf den Protest und zeigen vor allem die ambivalente, aber durchaus starke Vernetzung zwischen den vermeintlichen “Gegnern” in den Hausbesetzerkonflikten.

Archiv für alternatives Schrifttum in NRW

Im November 2015 bin ich Mitglied im Verein “Archiv für alternatives Schrifttum in NRW” (afas) geworden. Das afas ist eines der größten Archive, in dem vor allem Zeitschriften und andere Veröffentlichungen der Protestbewegungen der 1970er und 1980er Jahre aufbewahrt werden. Als freies Archiv ist es auf die Unterstützung von Vereinsmitgliedern und Spenden angewiesen, die das Archiv neben projektabhängigen Fördergeldern finanzieren.

Ich selber habe im afas 2005 für meine Magisterarbeit und dann nochmal 2006 für die Dissertation recherchiert. Mich haben damals nicht nur die umfangreichen Bestände beeindruckt. Auch die Unterstützung durch Jürgen Bacia, der das afas leitet, hat die Arbeit dort sehr angenehm und produktiv gemacht. Deswegen bin ich jetzt Mitglied geworden und kann auch jedem, der zur Geschichte von Protestbewegungen in der Bundesrepublik forschen will, nur empfehlen einmal dort vorbeizuschauen – und natürlich das afas zu unterstützen, damit es auch in Zukunft fortbestehen kann.

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Aufsatz “Hausbesetzungen 1980-1982″ online

Das Institut für Soziale Bewegungen in Bochum hat die älteren Jahrgänge des Mitteilungsblatts des Instituts für Soziale Bewegungen (jetzt “Moving the Social”) online gestellt.

Somit ist mein Aufsatz “Hausbesetzungen 1980–1982 in Hilden. Möglichkeiten der Mikroforschung für die Protestgeschichte”, der in Band 34 (2005) des Mitteilungsblatt des Instituts für soziale Bewegungen erschienen ist, online frei verfügbar.

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